Für Erwachsene ist tägliches Gehen von 30 Minuten eine realistische, niedrigschwellige und gut evidenzbasierte Intervention mit breitem Gesundheitsnutzen. Wenn das Gehen mindestens moderat intensiv ist, entspricht es etwa 210 Minuten pro Woche und liegt damit innerhalb des WHO-Zielbereichs von 150–300 Minuten moderater Aktivität pro Woche, über der CDC-Mindestempfehlung und im Einklang mit europäischen sowie deutschen Empfehlungen. Die WHO bewertet die Evidenz für niedrigere Gesamtmortalität, niedrigere kardiovaskuläre Mortalität sowie geringere Inzidenz von Hypertonie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes bei höherer körperlicher Aktivität als hoch; zusätzliche Vorteile steigen bis etwa 300 Minuten pro Woche an und flachen danach ab. Die EU fasst dies für Erwachsene auch pragmatisch als „mindestens 30 Minuten moderate Bewegung täglich“ zusammen.
Die stärkste direkt gehspezifische Evidenz betrifft Blutdruck, psychische Gesundheit, Schlaf, funktionelle Leistungsfähigkeit, Arthrose-Symptome und Schrittzahl-assoziierte Mortalität. Eine große Schrittzahl-Metaanalyse aus 2025 berichtet gegenüber 2.000 Schritten pro Tag bei etwa 7.000 Schritten pro Tag im Mittel eine um 47 % niedrigere Gesamtmortalität, 25 % niedrigere kardiovaskuläre Erkrankungsrate, 14 % niedrigere Typ-2-Diabetes-Rate, 38 % niedrigere Demenzrate, 22 % niedrigere Depressionsrate und 28 % weniger Stürze; für einige Endpunkte wie Demenz, Krebs und Stürze ist die Sicherheit der Evidenz allerdings geringer, weil weniger Studien vorliegen. Für Blutdruck zeigt ein Cochrane-Review zu Gehen als Intervention im Mittel etwa −4,1 mmHg systolisch und −1,8 mmHg diastolisch. Für Depression und Angst zeigt eine aktuelle Meta-Analyse randomisierter Studien klinisch relevante Verbesserungen gegenüber inaktiven Kontrollen.
Nicht alle Wirkungen sind gleich stark. Für Gewichtsverlust ist 30 Minuten Gehen pro Tag meist hilfreich, aber als alleinige Maßnahme oft nur moderat wirksam; für klinisch relevanten Fett- und Taillenumfangsabbau sind ≥150 Minuten pro Woche hilfreich, größere Effekte entstehen aber typischerweise bei höherem Volumen und besonders in Kombination mit Ernährungstherapie. Für Knochendichte ist Gehen eher erhaltend als aufbauend; hier ist kombinierte Kraft- und impact-orientierte Aktivität überlegen. Für Sturzprävention ist Gehen allein in Hochrisikogruppen nicht ausreichend und kann bei bestimmten älteren Personen sogar nachteilig sein, wenn Balance- und Krafttraining fehlen. Insgesamt ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis für asymptomatische Erwachsene aber sehr günstig.
Einordnung von 30 Minuten Gehen pro Tag
Entscheidend ist die Intensität. „Gehen“ im gesundheitsrelevanten Sinn meint meist zügiges Gehen in moderater Intensität, also so, dass Atmung und Herzfrequenz ansteigen, Sprechen aber noch möglich bleibt. Für viele Erwachsene entspricht moderates Gehen grob einer Kadenz von etwa 100 Schritten pro Minute; bei älteren Erwachsenen kann die Schwelle individuell variieren und in Studien auch eher um 105 Schritte pro Minute liegen. Deshalb ist für die Praxis der „Talk-Test“ oft verlässlicher als eine starre Schrittfrequenz.
Methodisch gilt in diesem Bericht: Wo aktuelle systematische Reviews und Meta-Analysen direkt Gehinterventionen oder Schritte untersuchen, werden diese bevorzugt. Wo für einzelne Endpunkte nur robuste Evidenz zu moderater körperlicher Aktivität insgesamt vorliegt, wird dies explizit als indirekter, aber für zügiges Gehen plausibler Evidenzpfad gekennzeichnet. Fehlende Subgruppenangaben werden als nicht spezifiziert benannt.
Die folgende Vergleichstabelle fasst die praktisch wichtigsten Endpunkte zusammen. Die Evidenzgrade sind vereinfacht an GRADE angelehnt und bewerten Konsistenz, Studiendesign und Direktheit der Evidenz.
Kardiovaskuläre und metabolische Effekte
Blutdruck. Die direkteste Evidenz für tägliches Gehen betrifft den Blutdruck. Ein Cochrane-Review zu Gehinterventionen fand im Mittel eine systolische Blutdrucksenkung von −4,11 mmHg und eine diastolische Senkung von −1,79 mmHg. Die Autoren schlussfolgerten, dass moderates Gehen an drei bis fünf Tagen pro Woche, 20–40 Minuten pro Einheit und insgesamt etwa 150 Minuten pro Woche über ungefähr drei Monate den Blutdruck relevant senken kann. Da 30 Minuten täglich dieses Volumen übersteigt, ist die Dosis für die meisten Erwachsenen ausreichend, sofern das Gehen tatsächlich moderat intensiv ist. Die Effekte zeigten sich über Altersgruppen hinweg, mit ähnlicher systolischer Senkung auch bei Personen >60 Jahren.
Koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und kardiovaskuläre Ereignisse. Für diese Endpunkte ist die Evidenzbasis besonders stark für körperliche Aktivität insgesamt und zunehmend auch für Schritte bzw. Gehen. Eine große Meta-Analyse von 2024 fand für die höchste gegenüber der niedrigsten Freizeitaktivität eine um 19 % niedrigere CVD-Inzidenz, 17 % niedrigere KHK-Inzidenz und 17 % niedrigere Schlaganfall-Inzidenz; pro zusätzlicher 20 MET-h/Woche sank das Risiko um 12 % für KHK und 9 % für Schlaganfall. Das entspricht einer klaren Dosis-Wirkungs-Beziehung. Ergänzend zeigte die Cambridge/BJSM-Analyse, dass sogar schon 75 Minuten moderate Aktivität pro Woche – also etwa 11 Minuten zügiges Gehen pro Tag – mit 17 % weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert waren; 30 Minuten pro Tag liegen somit deutlich oberhalb dieser „minimal wirksamen“ Dosis. In der schrittbasierten Metaanalyse 2025 war 7.000 Schritte/Tag mit 25 % weniger kardiovaskulären Ereignissen assoziiert; für Herzkrankheit schien der Nutzen teils über 7.000 Schritte hinaus weiter anzusteigen.
Rolle des Tempos. Nicht nur das Volumen, auch die Gehgeschwindigkeit zählt. Eine Meta-Analyse prospektiver Kohorten zeigte mit jedem Anstieg um 1 km/h in der gewohnten Gehgeschwindigkeit ein um 13 % niedrigeres Schlaganfallrisiko; unterhalb etwa 4 km/h nahm das Risiko deutlich zu. Praktisch bedeutet das: ein gemächlicher Spaziergang ist besser als Sitzen, aber für die stärksten kardiovaskulären Effekte ist zügiges Gehen wahrscheinlicher das relevante Expositionsmuster.
Gewicht, BMI und Taillenumfang. Für Gewichtsreduktion ist tägliches 30-Minuten-Gehen nützlich, aber als Einzelmaßnahme oft nicht spektakulär. Die große JAMA-Review von 2024 zu 116 RCTs fand, dass aerobes Training ab mindestens 150 Minuten pro Woche mit klinisch wichtigen Reduktionen von Taillenumfang und Körperfett verbunden war; bei weniger als 30 Minuten pro Tag an fünf Tagen pro Woche waren die Reduktionen dagegen nur klein. Eine Meta-Analyse zu zügigem Gehen bei adipösen Erwachsenen <50 Jahren berichtete klinisch relevante Senkungen von Körpergewicht, BMI, Taillenumfang und Fettmasse. Für Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas ist 30 Minuten tägliches Gehen daher sinnvoll, aber für deutlicheren Gewichtsverlust meist effektiver in Kombination mit Ernährungstherapie oder höherem Gesamtbewegungsvolumen. Typ-2-Diabetes, Insulinsensitivität und Blutzucker. Die WHO bewertet den Zusammenhang zwischen höherer Aktivität und niedrigerer Typ-2-Diabetes-Inzidenz bei Erwachsenen als hochsicher. Schritt- und Kadenzdaten konkretisieren das: In einer prospektiven Kohorte war zügiges Gehen von 17 Minuten pro Tag gegenüber weniger als 2 Minuten pro Tag mit 31 % geringerem Diabetesrisiko verbunden. In der 2025er Schritte-Metaanalyse war 7.000 Schritte/Tag mit 14 % geringerem T2D-Risiko verknüpft. Der Nutzen scheint besonders bei älteren Erwachsenen sowie bei Personen mit Adipositas oder Prädiabetes größer zu sein. Akute Blutzucker- und Insulinempfindlichkeitseffekte treten schon nach einzelnen Einheiten auf; stabile Veränderungen von Insulinresistenz-Markern entstehen über Wochen, während Incidence-Effekte naturgemäß erst über Jahre sichtbar werden. Lipidprofil. Für Lipide ist das Bild günstiger, aber weniger scharf. Eine Netzwerk-Metaanalyse von 2024 berichtete, dass alle untersuchten Formen aerober Aktivität Blutlipide gegenüber keiner Intervention verbessern können; eine populationsbasierte Studie fand bei adipösen Personen mit schnellem gegenüber langsamem subjektivem Gehtempo günstigere kardiometabolische Marker und ein günstigeres Lipidprofil. Eine 12‑wöchige Gehintervention zeigte ebenfalls Verbesserungen des kardiometabolischen Risikoprofils. Die Effektstärken sind in neueren gehspezifischen Reviews allerdings heterogen berichtet und meist eher klein bis moderat, sodass für LDL, HDL und Triglyzeride kein einheitlicher robuster walking-only Pooling-Wert über alle Erwachsenen angegeben werden kann. Hier ist die Evidenz stärker für Aerobic insgesamt als für Gehen isoliert. Psychische Gesundheit, Kognition und Schlaf Depression und Angst. Die Evidenz ist bemerkenswert konsistent. Eine 2024 publizierte Meta-Analyse randomisierter Studien fand für Gehinterventionen gegenüber inaktiven Kontrollen eine standardisierte mittlere Effektstärke von −0,591 für depressive Symptome und −0,446 für Angstsymptome. Ergänzend zeigte eine Meta-Analyse objektiv gemessener Schritte in Erwachsenen, dass ≥7.000 Schritte/Tag mit einem um 31 % niedrigeren Depressionsrisiko verbunden waren; pro zusätzlichen 1.000 Schritten pro Tag sank das Risiko um etwa 9 %. Für die Praxis heißt das: Tägliche 30 Minuten Gehen sind sehr wahrscheinlich ausreichend, um die Stimmung zu verbessern, solange die Aktivität regelmäßig erfolgt. Akute Anxiolyse kann schon nach einzelnen Einheiten auftreten; stabilere Verbesserungen zeigen sich häufig innerhalb von 6–12 Wochen. Kognition und Demenzrisiko. Hier muss zwischen kurzfristiger kognitiver Leistung und langfristigem Demenzrisiko unterschieden werden. Ein systematischer Review randomisierter Studien aus 2025 kam zu dem Schluss, dass Gehinterventionen bei älteren Erwachsenen vor allem Exekutivfunktionen und Gedächtnis verbessern können; typische Interventionen dauerten 6–26 Wochen, fanden drei Mal wöchentlich statt, dauerten meist mindestens 40 Minuten pro Einheit und waren moderat bis intensiv. Für Demenz stammen die robustesten Daten aus Kohorten: Eine JAMA-Neurology-Studie berichtete, dass das niedrigste Demenzrisiko bei knapp unter 10.000 Schritten pro Tag lag, und populärwissenschaftliche Aufbereitungen dieser Primärdaten quantifizierten ungefähr −25 % Risiko bei rund 3.800 Schritten/Tag sowie etwa −50 % bei rund 9.800 Schritten/Tag. Die 2025er Schritt-Metaanalyse fand für 7.000 Schritte/Tag eine um 38 % niedrigere Demenzrate, weist aber selbst auf die geringere Sicherheit wegen kleinerer Studienzahl hin. Für Erwachsene insgesamt gilt daher: 30 Minuten zügiges tägliches Gehen sind plausibel ausreichend, um kurzfristig Kognition zu unterstützen und langfristig Demenzrisiko zu senken, aber die genaue optimale Dosis bleibt unsicher. Subgruppen außerhalb des mittleren und höheren Lebensalters sind hier oft nicht spezifiziert. Schlaf. Eine 2026 veröffentlichte systematische Review und Meta-Analyse zu Gehinterventionen bei mittelalten und älteren Erwachsenen fand objektiv längere Gesamtschlafzeit (+34,23 Minuten) und weniger nächtliche Wachzeit nach dem Einschlafen (−11,58 Minuten), jedoch keine konsistenten Verbesserungen in Schlaflatenz, Schlafeffizienz oder globalem PSQI-Score. Eine einzelne Studie bei jungen Erwachsenen zeigte ebenfalls bessere Schlafqualität nach täglichem Gehen. Praktisch ist die Aussage klar: 30 Minuten tägliches Gehen sind für viele Erwachsene ausreichend, um Schlaf messbar zu verbessern, wobei die wichtigsten Effekte eher in Schlafdauer und Schlaferhalt als in jedem Einzelscore liegen. Muskel-Skelett-System, funktionelle Kapazität und Entzündungsmarker Knochen, Gelenke und Schmerzen. Für Kniearthrose ist die Evidenz inzwischen beruhigend: Eine Übersichtsarbeit von 2024 über 20 Reviews und zusätzliche Originalstudien fand konsistent, dass Gehen, Laufen und vergleichbare Alltagsaktivitäten nicht mit strukturellem Fortschreiten der Kniearthrose assoziiert sind und sicher empfohlen werden können. Daten aus der Osteoarthritis Initiative zeigten zusätzlich, dass Gehtraining strukturelles Fortschreiten verhindern und Symptome verbessern kann. Für Knochendichte ist Gehen allein dagegen eher eine Erhaltungs- als eine Aufbauintervention. Metaanalysen bei postmenopausalen Frauen sprechen dafür, dass Bewegung die BMD verbessert, aber kombinierte Programme aus aerobem Training plus Kraft-/Impact-Komponente wirksamer sind als reines Gehen. Für Menschen mit Gelenkschmerzen oder früher Arthrose ist 30 Minuten tägliches Gehen daher sinnvoll und meist sicher; für Osteoporoseprävention ist zusätzliches Krafttraining klar zu empfehlen. Sturzrisiko. Hier ist Vorsicht wichtig. Die WHO und neuere Reviews bestätigen, dass Bewegung insgesamt Stürze bei älteren Erwachsenen reduziert. Für Gehprogramme allein sind die Daten aber deutlich schwächer: Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Sturzprävention hält fest, dass reine Gehprogramme im Vergleich zu üblicher Versorgung nicht wirksam waren und Stürze bei Hochrisikogruppen sogar erhöhen könnten. Entsprechend sind bei älteren Erwachsenen mit Gangunsicherheit, früheren Stürzen oder Gebrechlichkeit Balance- und Kraftkomponenten zentral. 30 Minuten Gehen pro Tag sind in dieser Gruppe also nicht als alleinige Sturzprävention ausreichend. Funktionelle Kapazität, VO₂max-nahe Fitness und Ausdauer. Direkte walking-spezifische RCT-Evidenz zeigt konsistent Verbesserungen kardiorespiratorischer Fitness und Ausdauer, auch wenn die genaue VO₂max-Größe nicht in allen Reviews einheitlich gepoolt wurde. Ein systematischer Review von 2022 berichtet, dass zügiges Gehen kardiorespiratorische Fitness, Kraft und Körperzusammensetzung bei älteren Erwachsenen verbessert. Besonders praxisrelevant ist eine PLOS-Analyse von 2025: Bei prefrailen und frailen älteren Erwachsenen erhöhte eine um nur 14 Schritte/Minute gesteigerte Gehfrequenz – ungefähr auf 100 Schritte/Minute – die Wahrscheinlichkeit für eine klinisch bedeutsame Verbesserung im 6‑Minuten-Gehtest. Das spricht dafür, dass 30 Minuten tägliches zügiges, nicht nur „irgendwie gemütliches“, Gehen die funktionelle Kapazität in 6–24 Wochen spürbar steigern kann. Entzündung und Immunmarker. Der Mechanismus ist biologisch plausibel, die direkte walking-only Evidenz aber dünner als für Blutdruck oder Stimmung. Aktuelle Reviews zu aerobem Training bei mittelalten und älteren Erwachsenen zeigen Senkungen von CRP, IL‑6 und TNF‑α; in einem 24‑Wochen-Programm mit 150 Minuten moderater Aerobic pro Woche bei Darmkrebspatienten sanken hs‑CRP um 35,4 % und IL‑6 um 29,6 %. CDC-Material fasst die Immunfunktion als „emerging research“ zusammen, also als aufkommende, noch nicht endgültig präzisierte Evidenz. Für gesunde Erwachsene ist daher die vorsichtige Bewertung: 30 Minuten tägliches Gehen dürften Entzündungs- und Immunprofile günstig beeinflussen, aber die Stärke dieses Effekts ist deutlich weniger sicher quantifiziert als jene für kardiometabolische oder psychische Endpunkte. Krebs, Gesamtmortalität und praktische Konsequenzen Brust- und Darmkrebs. Die WHO bewertet die Evidenz für niedrigere Inzidenz standortspezifischer Krebserkrankungen bei höherer Aktivität als moderat bis hoch. Die große BJSM-Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von 2023 zeigte schon bei 75 Minuten moderater Aktivität pro Woche eine um 7 % niedrigere Gesamtkrebsinzidenz; für einzelne Tumorarten wie Lunge, Leber, Endometrium, Kolon und Brust lagen die Risikoreduktionen im Bereich von etwa 5–16 % bei guideline-naher Aktivität. Andere Synthesen und die IARC-Mendelian-Randomisation stützen insbesondere für Brust- und kolorektale Karzinome einen wahrscheinlich kausalen Schutz durch körperliche Aktivität. Für die Praxis bedeutet das: 30 Minuten zügiges tägliches Gehen sind wahrscheinlich ausreichend, um das Risiko für Brust- und Darmkrebs relevant zu senken, auch wenn der Effekt kleiner ist als für Blutdruck oder Gesamtmortalität und über Jahre entsteht. Gesamtmortalität. Dies ist der am besten konsolidierte „harter Endpunkt“. In der 2025er Metaanalyse war 7.000 Schritte/Tag mit 47 % niedrigerer Gesamtmortalität gegenüber 2.000 Schritten/Tag assoziiert. Eine Umbrella-Review von 2024 berichtet zusätzlich einen gepoolten HR von 0,91 pro 1.000 Schritte/Tag und einen minimalen protektiven Bereich von etwa 3.000 Schritten/Tag, während die optimale Dosis nach Alter variiert: bei Erwachsenen >60 Jahre flacht der Mortalitätsnutzen ungefähr bei 6.000–8.000 Schritten/Tag ab, bei Jüngeren eher bei 8.000–10.000. Das ist für die Frage nach 30 Minuten pro Tag zentral: Zügiges Gehen in dieser Größenordnung liefert häufig einen großen Teil des Weges in den gesundheitsrelevanten Schrittbereich und ist deshalb als Alltagsziel wissenschaftlich sehr gut begründet.
Praktische Empfehlung. Für die meisten Erwachsenen ist die günstigste Minimalstrategie: täglich 30 Minuten zügig gehen, idealerweise an möglichst allen Tagen der Woche. Die WHO hat die alte 10‑Minuten-Mindestbouts gestrichen; gesundheitliche Vorteile entstehen auch bei kürzer akkumulierten Einheiten. Für Blutdruck, Ausdauer und Herz-Kreislauf-Risiko sprechen neue Beobachtungsdaten dennoch dafür, dass zusammenhängende Episoden von 10–15 Minuten oder länger zusätzlich nützlich sein können. Ergänzt werden sollte das Gehen durch muskelkräftigende Aktivität an mindestens zwei Tagen pro Woche; ältere oder sturzgefährdete Personen sollten zusätzlich Gleichgewichtsübungen einbauen. Für Gewichtskontrolle, Osteoporoseprävention und Sturzprophylaxe ist diese Kombination klar besser als Gehen allein.
Unsicherheiten und Forschungslücken. Für Mortalität, Blutdruck und große kardiometabolische Endpunkte ist die Evidenz robust. Weniger sicher sind die walking-spezifischen Effekte auf Lipidgrößen, Entzündungsmarker, Demenz, einzelne Krebsarten und Sturzrisiko. Ein Grund ist, dass viele Schritt- und Gehstudien beobachtend sind, körperliche Aktivität oft nur einmal gemessen wurde und Residualkonfundierung – etwa durch Gebrechlichkeit, Vorerkrankungen oder „healthy user“-Effekte – nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Zudem sind Subgruppen nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Behinderung und multimorbider Ausgangslage oft unzureichend separat ausgewertet. Wo solche Daten fehlen, ist die Evidenzlage nicht spezifiziert.
Kontraindikationen und Vorsichtssignale. Für asymptomatische Erwachsene ist eine ärztliche Freigabe vor Beginn von leichtem bis moderatem Gehen im Allgemeinen nicht nötig. Medizinische Abklärung ist sinnvoll bei belastungsabhängigen Brustschmerzen, ungewöhnlicher Atemnot, Schwindel/Synkope, frischem kardiovaskulärem Ereignis, akuter fieberhafter Erkrankung, pathologischen Arrhythmien oder deutlich unkontrolliertem Blutdruck; in WHO-Material werden >180/110 mmHg als relevante Konstellation genannt. Treten während des Gehens Symptome eines Herzinfarkts auf – etwa Brustdruck, Atemnot, Kiefer-/Arm-/Rückenschmerz, Übelkeit oder Benommenheit – sollte die Aktivität sofort gestoppt und umgehend medizinische Hilfe gesucht werden.
Die erwartbare zeitliche Abfolge der Effekte lässt sich grob so zusammenfassen: unmittelbare Verbesserungen bei Blutdruck, Schlaf und Angst; nach einigen Wochen Verbesserungen bei Stimmung, Glukosestoffwechsel und funktioneller Kapazität; nach Monaten Veränderungen bei Körperzusammensetzung und Fitness; nach Jahren niedrigere Inzidenzen von KHK, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, Demenz, Krebs und niedrigere Mortalität
Quellennachweis:
Wichtige Primärquellen und Leitlinien zum direkten Weiterlesen sind die WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour von 2020, die CDC Adult Activity Guidelines, die EU-Zusammenstellung Physical activity recommendations for adults, die deutsche Broschüre Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung, die Primärarbeiten Daily steps and health outcomes in adults (Lancet Public Health 2025), Walking for hypertension (Cochrane 2021), Daily Step Count and Depression in Adults (JAMA Network Open 2024), Association of Daily Step Count and Intensity With Incident Dementia (JAMA Neurology 2022) sowie Aerobic Exercise and Weight Loss in Adults (JAMA Network Open 2024).
WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour.
Geneva: World Health Organization.
U.S. Department of Health and Human Services (2018).
Physical Activity Guidelines for Americans. 2nd Edition.
Lee IM, Shiroma EJ, Lobelo F, Puska P, Blair SN, Katzmarzyk PT, Lancet Physical Activity Series Working Group. (2012).
Effect of physical inactivity on major non-communicable diseases worldwide: an analysis of burden of disease and life expectancy.
The Lancet, 380(9838), 219–229.
Ekelund U, Steene-Johannessen J, Brown WJ, et al. (2016).
Does physical activity attenuate, or even eliminate, the detrimental association of sitting time with mortality? A harmonised meta-analysis.
The Lancet, 388(10051), 1302–1310.
Bull FC, Al-Ansari SS, Biddle S, et al. (2020).
World Health Organization 2020 Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour.
British Journal of Sports Medicine, 54(24), 1451–1462.
Paluch AE, Bajpai S, Bassett DR Jr, et al. (2023).
Daily steps and all-cause mortality: a meta-analysis of 15 international cohorts.
European Journal of Preventive Cardiology, 30(18), 1975–1985.
Saint-Maurice PF, Troiano RP, Bassett DR Jr, et al. (2020).
Association of Daily Step Count and Step Intensity With Mortality Among US Adults.
JAMA, 323(12), 1151–1160.
Hall KS, Hyde ET, Bassett DR Jr, et al. (2020).
Systematic review of the prospective association of daily step counts with risk of mortality, cardiovascular disease, and dysglycemia.
International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 17, 78.
Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM, et al. (2021).
2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice.
European Heart Journal, 42(34), 3227–3337.
Knowler WC, Barrett-Connor E, Fowler SE, et al. (2002).
Reduction in the incidence of type 2 diabetes with lifestyle intervention or metformin.
New England Journal of Medicine, 346, 393–403.
Schuch FB, Vancampfort D, Firth J, et al. (2018).
Physical activity and incident depression: A meta-analysis of prospective cohort studies.
American Journal of Psychiatry, 175(7), 631–648.
Stubbs B, Vancampfort D, Smith L, et al. (2017).
Physical activity and anxiety: A systematic review and meta-analysis.
Depression and Anxiety, 34(9), 816–835.
Kredlow MA, Capozzoli MC, Hearon BA, et al. (2015).
The effects of physical activity on sleep: A meta-analytic review.
Journal of Behavioral Medicine, 38, 427–449.
Erickson KI, Gildengers AG, Butters MA. (2013).
Physical activity and brain plasticity in late adulthood.
Dialogues in Clinical Neuroscience, 15(1), 99–108.
Kohrt WM, Bloomfield SA, Little KD, Nelson ME, Yingling VR. (2004).
American College of Sports Medicine Position Stand: Physical activity and bone health.
Medicine & Science in Sports & Exercise, 36(11), 1985–1996.
Arem H, Moore SC, Patel A, et al. (2015).
Leisure time physical activity and mortality: A detailed pooled analysis.
JAMA Internal Medicine, 175(6), 959–967.